Luftsportvereinigung Altkreis Isenhagen e.V.

700 km rund um Berlin

Am 31. Juli 1999 ist es soweit, wovon wir seit der Grenzöffnung immer geträumt haben: 

Ein Flug rund um Berlin!

Das ist in sofern etwas Besonderes, weil im Bereich der Hauptstadt ein Segelflugverbotsgebiet mit einem Durchmesser von über 100 km existiert, das den großen Verkehrsmaschinen vorbehalten bleibt. Bei einer dreieckigen Streckenführung, wie sie im sportlich engagierten Segelflug üblich ist, ergibt sich mit dem Startplatz Schnuckenheide-Repke eine Gesamtstrecke von mehr als 700 km. Bereits an den Tagen zuvor ist richtiges "Hammerwetter", nur so haben wir den Mut und das Vertrauen in die Wettervorhersage, eine solche Aufgabe anzugehen. Die Wendepunkte für unseren Dreiecksflug haben wir uns bereits am Vorabend ausgeguckt - es sind:

Unterlüß Bahnhof, Neustrelitz Bahnhof und Guben an der polnischen Grenze

Die Aufgabe (rot) und die tatsächlich geflogen Flugstrecke des 700km-Fluges (die verschiedenen blauen Linien stellen die verschiedenen Flugzeuge dar) 

Wir - das sind Lothar Dittmer, Martin Käppeler, Thomas Quindel und Lutz Seiler. Zu meinem Erstaunen haben alle sofort zugesagt, bei diesem Flug mitzumachen, ohne auch nur irgendwelche Bedenken zu äußern. Am Morgen dieses Samstags tanken wir unsere Flugzeuge voll mit Wasserballast, der uns zum zügigeren Vorankommen verhelfen soll. Und natürlich stehen wir in der Startaufstellung ganz vorn in Erwartung der ersten Thermik. Um 11:00 geht's dann endlich los, die Winde katapultiert mich auf 400 m in der Thermik geht's zunächst nur recht mäßig voran, doch bereits nach 10 km deuten erste Cumulus-Wolken gute Aufwinde an. Es kommt gleich ein "Hammerbart" - ein Aufwind, wie ich ihn zu dieser Tageszeit noch nicht erlebt habe. Er trägt mich mit Steigwerten von 4 Metern pro Sekunde bis auf 2500 m hinauf. Ein Blick hinab verrät, daß ich nun schon kurz vor der ersten Wende Unterlüß bin. Voller Euphorie lasse ich nun meinem Flieger freien Lauf, nehme noch zwei Aufwinde bis zur maximalen Höhe mit und gehe dann recht verschwenderisch mit der gerade gewonnenen Höhe um. Es sollen aber für die nächsten 50 km die letzten Aufwinde gewesen sein! Kurz vor dem Elbe-Seiten-Kanal deuten Wolkenfetzen unter mir an, daß die Thermik hier noch gar nicht so hoch reicht. Ich zügle drastisch das Tempo, um mit der noch vorhandenen Höhe möglichst weit gleiten zu können. Das Gebiet um Lüchow-Dannenberg ist bekannt dafür, daß die Thermik erst viel später einsetzt als bei uns in der Schnuckenheide. So geht's hinab bis auf 400 m, wo ich zunächst nur einen schwachen Aufwind finde, in dem ich aber kaum Höhe gewinne. Lothar ist schon etwas voraus und meldet mir über Funk einen besseren, wenn auch mäßigen Aufwind, mit dem es wieder langsam aufwärts geht. Deutlich erleichtert, gibt's als Nervennahrung erstmal 2 Äpfel. Zusammen mit Lothar gleite ich bis kurz vor die Elbe bei Gorleben wieder in thermisch besseres Gebiet. Martin und Thomas sind etwas später gestartet und haben sich dafür entschieden, weiter im Norden einen Umweg durch ein thermisch sichereres Gebiet zu fliegen. An der Elbe sind wir nun alle beisammen und können bei richtig guter Thermik Vollgas geben. Schon bald liegt die mecklenburgische Seenplatte mit ihren riesigen Kiefernwäldern und hunderten kleiner tiefblauer Seen unter uns. Der zweite Wendepunkt bei Neustrelitz ist schon bald erreicht, nun müssen wir aufpassen, nicht in die Verbotszone bei Berlin hineinzugelangen. Diese ist wie ein Trichter angeordnet, in den Trichter hinein fliegen die großen Jumbos, die Segelflieger müssen unterhalb des Trichters bleiben. Immer haarscharf an der Unterkante dieses Trichters entlang geht es dann an Berlin vorbei Richtung Oderbruch. Martin fliegt hier voraus, immer einer "Wolkenstraße" folgend, in Richtung Polen. Doch schon bald verlassen wir diese Thermikaufreihung, um nicht in das Oderbruch zu gelangen. Dieses liefert mit seinen saftig grünen Wiesen nur sehr magere Thermik, deshalb bleiben wir so dicht wie nur möglich an der östlichen Grenze des Berliner Sperrgebiets. Mit moderner - mittlerweile schon recht preiswerter - Satellitennavigation an Bord ist Navigation auch ohne Wegweiser und Straßenschilder kein besonderes Problem mehr. Weiter südlich geht es dann die Oder entlang. Frankfurt (Oder) und Eisenhüttenstadt gleiten unter uns dahin - Städte, die ich als Fußgänger noch nicht gesehen habe. Kurz hinter Eisenhüttenstadt verdunkelt sich der Himmel zunehmend. Großflächige Wolken türmen sich recht plötzlich auf, die kurz vor Guben sogar ein wenig Regen abgeben. Nur gut, dass wir nicht noch weiter nach Süden fliegen müssen, dort erscheinen die Wolken größer und nasser, die Thermik-Abstände sind dort bestimmt riesig und das Vorankommen wird schwierig. Es ist mittlerweile 16 Uhr, und bis nach Hause liegen noch 300 km Flugstrecke vor mir - jetzt nur nicht außenlanden!!! Eine Rückholaktion von der polnischen Grenze würde wohl bis tief in die Nacht dauern. Aber diese Gedanken schießen mir nur ganz kurz durch den Kopf. Die Aufwinde stehen heute recht zuverlässig in nicht zu großen Abständen, und nach dem Umrunden unserer letzten Wende bei Guben sieht es in Richtung Schnuckenheide wieder besser aus. Riesige Sandfächen auf ehemaligen Industriebrachen liefern kräftige Aufwinde. Südlich von Berlin kann ich mit der Sonne im Rücken auch erstmals die Stadt Berlin sehen, bzw. zumindest im Dunst erahnen. Hier fliegen wir unter riesigen Wolken entlang und können die Aufwinde deshalb nicht besonders gezielt anfliegen. Mit den 4 Flugzeugen breit aufgefächert nebeneinander her gleitend klappt die Suche trotzdem ganz gut. Jeweils einer von uns muß ja über einen Aufwind stolpern, in den die anderen dann mit einsteigen. Nun mit Rückenwind an der Unterkante des Berliner Sperrgebiets entlang preschen Lothar, Martin und Thomas nun immer schneller Richtung Heimat voran. Meinem schon etwas betagteren Flieger geht hier die Puste aus, ich kann mit den moderneren Flugzeugen der anderen nicht mehr so ganz mithalten. Jetzt flieg ich das erste mal allein und werde vorsichtiger. Unter einer großen Wolke im Fläming find ich einfach den erwarteten Aufwind nicht. Ein anderer Segelflieger, der dort kreist und steigt, entpuppt sich aus der Nähe als Motorsegler. jetzt aber bloß nichts anbrennen lassen! Es ist bis zum erwarteten Thermikende noch eine Menge Zeit. Ich schlage deshalb lieber einen Haken und fliege 8 km querab zum Kurs zu sicherer Thermik am Südrand der Wolke. Bei Magdeburg geht's endlich zurück über die Elbe in die Letzlinger Heide, die für mich dort oft auch noch am Abend zu findende gigantische Aufwinde bereithält. Es folgt ein lauter Ur-Schrei im Cockpit beim Erreichen von 2000 Metern Endanflughöhe. Es ist geschafft, ich komme jetzt sicher nach Hause! Während unsere Freunde am Boden an diesem Tag bei über 30 Grad im Schatten richtig geschwitzt haben, war es in den Flughöhen zwischen 1000 und 2800 Metern mit 10 bis 20 Grad angenehm temperiert, also auch unter diesem Aspekt ein richtig angenehmer Flug. Nach 7 1/2 Stunden lande ich um als Letzter und bin überglücklich, diesen Flug, von dem ich so lange geträumt habe, heute gemacht zu haben.

Lutz Seiler


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